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Poesie-Pfad im Winter 2017/2018 (51. Edition)

" Dieser Brief geht in den Himmel "

"Man lindert oft sein Leid, indem man erzählt", hat der französische Rechtsgelehrte und Literat Pierre Corneille einmal gesagt.

Für das Winterquartal 2017-2018 haben wir diesmal "Ungewöhnliche Todesanzeigen" ausgewählt. Warum? Weil lange Zeit der Tod aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt worden ist; erst allmählich rückt das Thema rund um menschlichen Verlust, Trauer, Vergänglichkeit und Erinnerung wieder ins öffentliche Bewusstsein. Vom Tod eines wichtigen und wertvollen Menschen Betroffene schreiben oft aus sich heraus, was sie fühlen: den Schmerz, die Trauer, das, was sie in Erinnerung behalten möchten, ihre Ängste, ihre Hoffnungen. Sie machen ihre Gefühle in Todesanzeigen öffentlich, teilen sich anderen Menschen mit. So entsteht oft eine ganz eigene Poesie, Gedichte und Betrachtungen, die so gar nicht den oftmals vorgegebenen Allerweltsweltstexten entsprechen, "Nachrufe" in des Wortes bester Bedeutung.

Wolfgang Wirth und mir ist bei der Auswahl der Anzeigen aufgefallen, dass neben den ernsten Betrachtungen auch einige eher zum Schmunzeln anregen. Da wird auch mal auf Fehler und Schwächen der Verstorbenen hingewiesen und gesagt, was man zu Lebzeiten womöglich gar nicht gewagt hätte zu sagen. Und den modernen Anzeigen stellen wir einige gegenüber, die weit über 100 Jahre alt sind. Man sieht und liest, wie damals Schmerz und Trauer beschrieben worden sind und wie sich die Sprache seither gewandelt hat.

Ingrid Brüggenwirth, viele Jahre Lehrerin in Arnsberg und jetzt wieder in ihrer Heimatstadt Iserlohn lebend, hat über 40 Jahre lang Todesanzeigen gesammelt, die sie in Tageszeitungen gefunden hat. Eine Auswahl hat sie seinerzeit in den Büchern "Von Sensenmann und Druckerschwärze" und "Dieser Brief geht in den Himmel" veröffentlicht. Sie bilden die Grundlage dessen, was Sie nun sehen und lesen. Wie sie in einem Vorwort geschrieben hat, zeugen manche Anzeigen auch von einer spürbaren Überforderung der Hinterbliebenen, angesichts des Todes die passenden Worte zu finden. Mal ein wenig ungelenk, mal romantisch verbrämt, mal ausgesprochen pathetisch, mal außergewöhnlich tiefsinnig, manchmal auch schwer verständlich, mal unverblümt ehrlich, aber immer aus tiefster Seele. Ein sehr anrührendes Beispiel ist die Todesanzeige einer alten Dame aus Kiel, die sie sie in schönsten Plattdeutsch selbst verfasst hat, bevor ihre Urne im Meer versenkt wurde. "Ihr könnt ja mal an mich denken, wenn ihr die Füße ins Wasser haltet."

"Nun bist du voraus gegangen.
Ich spüre noch deine Wärme.
Die Wohnung scheint sie noch auszustrahlen.
Ich vernehme noch deine Worte
und habe den Klang deines leisen Rufens im Ohr.
Ich fürchte mich davor, dass alles immer leiser wird - und verstummt.
Ich fürchte mich davor, allein zu sein mit mir und der Erinnerung."

Martha

Zum Auftakt finden wir ein Gedicht des großen Literaten Kurt Tucholsky. Sein Gedicht "Mutterns Hände", geschrieben kurz vor ihrem Tod im Berliner Dialekt steht als Symbol für alle weiteren Anzeigen.
Theo Hirnstein

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Unter einem neuen Motto "Die Ehe" werden am Freitag, 16.03.2018 um 16 Uhr die Texte für das Frühjahr 2018 bei einer gemeinsamen Begehung präsentiert und erläutert. Die Sommertexte unter dem Motto "Rosen" werden am Freitag, 15.06.2018 um 17 Uhr vorgestellt.
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Eine Auswahl der bis Ende 2008 ausgehängten Texte sowie der Geschichte des Mühlbachtales ist im Dezember 2009 als Buch erschienen. weitere Details zum Buch...